Nach Sigmaringen-Gutenstein also. Das liegt in etwa da, wo der geografische Vorstellungshorizont von Tübinger Studenten aufhört und das Land des Ungefähren beginnt. „Wir fahren Richtung Sigmaringen, irgendwo dahinter kommt dann Gutenstein. Ist so ungefähr eine Stunde und zwanzig Minuten von hier, glaub ich. Auf der schwäbischen Alb ungefähr“, erfuhren die neugierigen Erstsemester im Vorfeld.

Wirklich wichtig war das alles ohnehin nicht – irgendwann standen die Ausflügler jedenfalls vor der Tür einer gemütlichen Hütte in besagtem Örtchen und vor einem spannenden Wochenende.

Natürlich wurde viel debattiert, geübt, gelacht, gegessen und noch mehr debattiert (Nordkorea-Intervention, Gleichstellung polyamoröser Ehen und die Verpflichtung Coca Colas, Colaflaschen herzustellen, die sich selbst wiederbefüllen – und dabei die Weltherrschaft übernehmen oder so ähnlich. Dem werten Leser sei es überlassen, sowohl die Tageszeit, als auch den Alkoholpegel anhand der Themen abzulesen.) Geschlafen wurde ab und an in kuschligen Betten, die so gar nicht nach Backpacker-Bleibe aussahen. Überhaupt machte die Unterkunft einen recht gediegenen (Jugendwort des Jahres, Platz 3) Eindruck und die Debattier-Chabos wissen ja, welche die Babo (Platz 1)-Erstihütte … wie auch immer. Diese charmant-peinlich anmutenden Jugendwörter waren jedenfalls immer mal wieder Teil der Gespräche, wenn nicht gerade Moral und Trotz bei der Diskussion über den Veggyday übereinander herfielen oder Verläufe aus der Tagespolitik die Gemüter bewegten.

Drei Szenen aus einem gemütlichen Häuschen, das für ein Wochenende Redebühne, Wohnzimmer und Partyraum für 18 Debattanten war. Oder so ungefähr.

 

„ … und die Spalten rechts, das sind die sogenannten rechten Kategorien, da geht’s vor allem darum, wie ausgeprägt eure Urteilskraft und der Sachverstand sind.“ Geduldig erklärte Lennart in einem der „Seminare“ die Jurierregeln und die Bewertungskriterien beim Debattieren. „Wenn ihr zum Beispiel beim Thema Abtreibung über die Pille redet, mag vielleicht euer Argument richtig sein aber mit der Debatte hat’s dann nichts zu tun. Dann gibt’s wenig Punkte in der Kategorie Urteilskraft.“ Die Neuen wirkten recht angetan, fragten nach und machten sich Notizen. Was denn ein guter Punktestand wäre auf Turnieren, wurde das Trainerteam um Nikos, Konrad und Lennart gefragt. „Ab 48 Punkten freue ich mich, alles, was schlechter ist, nagt schon an meinem Ehrgeiz“, schilderte Konrad, der nebenher Nudelwasser aufsetzte und hingebungsvoll die Pilzrahmsauce mit Petersilie tunte. Während Nikos verdächtig den Kopf senkte und leise zu schnarchen anfing, trumpfte Lennart mit einer kleinen Überraschung auf. „… so, und jetzt dürft ihr uns mal jurieren“, beendete er seinen Vortrag und verteilte Jurierbögen; die Stunde der Rache also war gekommen. Sollen polyamoröse Beziehungen der Ehe gleichgestellt werden? lautete das Thema. „Unbedingt! – Auf keinen Fall! – Wir brauchen den Bruch mit dem staatlich vorgegebenen Liebeskorsett! – Und die Kinder, wer soll ihnen die nötige Orientierung geben inmitten der Mamas und Papas? – Lasst uns die verkrusteten Strukturen aufbrechen! – Lasst uns die Stabilität der Tradition wahren! …“

Eifrig kritzelten die Nachwuchsjuroren während der Redeschlacht Punkte und Stichworte auf die Bögen und besprachen später die Differenzen (tatsächlich gab es Bewertungsunterschiede von über 20 Punkten). So einfach ist das alles gar nicht: guter Juror und guter Redner zu sein.

 

Am Mittag stiefelte die Runde ins Freie – frische Luft für die Gedanken, die von der drückenden Wärme des Ofens unverschämt träge geworden waren und ein Caspar David Friedrich-Panorama für die Augen, die solch beeindruckenden Naturkitsch wie die schwäbische Alb sonst nur auf Vorlesungsfolien betrachten. Superschön die Gegend – ideal um mal die ganze Last von der Seele zu schwätzen. Zum Beispiel die Sache mit der Schminke. Aus einem leider nicht weiter rekonstruierbaren Grund schwappte in die gemütliche Bratapfelstimmung, die sich in der Hütte breitgemacht hatte, die Frage, warum sich Jungs eigentlich nicht schminken dürfen oder zumindest nicht sollten. Fair sei das ja nicht und die Konvention sowieso lächerlich verbohrt. Außerdem sähen geschminkte Augen auch bei manchen Typen durchaus hübsch aus. Die andere Seite hielt dagegen. Aber gäbe es denn nicht eine weibliche und eine männliche Ästhetik? Würden geschminkte Männer in der Gesellschaft anerkannt, wo Make-up doch als taktische Farbe der Frau reserviert sei? Und könnte frau sich für den gepuderten Stoppelbart erwärmen? Die kleine Diskussion wurde mit ins Kalte getragen und noch ein Weilchen ausgetreten, bis man sich letztlich in der Uneinigkeit einig war und zur harmonischen Kommunikation wechselte. Smalltalk aus dem Leben, Sorgen aus der Uni, Pläne für die anstehenden Turniere (wie etwa dem StreitKultur-Cup) und immer wieder kleine Liebesbekundungen an die wirklich schöne Umgebung im kleinen Sigmaringen-Gutenstein.

 

Ungefähr 4000 Kilometer südlich von unserer gemütlichen Hütte irgendwo im Westen Afrikas wächst zwischen tropischen Sträuchern und Farnkraut ein kleiner Baum, der die Welt ein wenig süßer macht. Zweimal im Jahr trägt die Pflanze nämlich rote Wunderbeeren (so heißen die tatsächlich), deren Inhaltsstoff Miraculin für kurze Zeit die Rezeptoren der „sauren“ Geschmacksknospen lahmlegt, sodass alle sauren Speisen oder Flüssigkeiten auf einmal süßlich schmecken. Klingt ein bisschen wie eine durchgeknallte Erfindung von Willy Wonka; jedenfalls legte Konrad am Samstagabend zwischen Spielebretter und Notizblöcke kleine Pillen, die Extrakte aus eben jenen Wunderbeeren enthielten und machte sich daran, Zitronen-und Kiwischeiben für das proklamierte Selbstexperiment zu verteilen. Ein Schnappschuss in die Runde hätte die Vorlage einer wundervollen selfmade-Komödie werden können. Jonas hob strahlend sein Schnapsglas in die Höhe, das verdächtig nahe neben einer offenen Essigflasche stand, und gab vergnügt zu Protokoll: „Lecker, schmeckt total süß!“ Auf beeindruckende Weise zog Jonathan währenddessen eine Augenbraue synchron mit einem Mundwinkel nach oben und brauchte damit für seine verächtliche Skepsis kaum noch Worte. Lennart berauschte seinen Vitamin C-Haushalt, indem er hingebungsvoll unzählige Zitronenscheiben lutschte, bis seine Lippen von der Säure ganz weiß geworden waren. Und tatsächlich schmeckten die Zitronenstückchen für kurze Zeit wie Brause, der trockene Wein wie Limo und der Essig wie… Ja wie denn, Jonas? (So ganz ungefähr?;-)) Irgendwann konnte man in den Gesichtern erkennen, dass die Wirkung verflogen war und die Reste der sauren Realität die Mienen verzerrten. Ein wirklich netter, zuckersüßer Abend war das.

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