2020 und 2021 waren die Jahre, in der die Coronapandemie auch das Debattieren prägte. Eine ganze Szene musste ihren Sportbetrieb online neu organisieren. Zeit, mal die Erinnerungen daran zu ordnen und die Streitkultur-Highlights herauszusuchen.


Nach unser diesjährigen Deutschsprachigen Debattiermeisterschaft „dahoam“ gab es in der Streitkultur Rufe, dass ein Moment wie auf der DDM 2019 gefehlt hätte: Unsere ganze Turnierdelegation, vor dem Halbfinale versammelt in einem Heidelberger Innenhof, um sich auf den entscheidenden Tag einzuschwören. Und tatsächlich: 2021 fühlte sich nicht an wie 2019.
Fehlte uns einfach ein Debattiermärchen wie damals? Mit einem Tübinger Halbfinale und unseren Überraschungs-Meistern Dominik, Joschka und Chiara? Was dagegen spricht: 2021 brachten wir immerhin auch zwei Teams ins Viertel- und eines davon ins Halbfinale. Noch wichtiger: Ein Jahr zuvor, 2020 war ja sogar Historisches gelungen: Dominik und Joschka hatten nach 2019 den DDM-Titel verteidigt– einmalig in der Geschichte der deutschen Szene. Die Stimmung? War trotzdem irgendwie nicht dieselbe wie 2019. 
Ich glaube, zwei andere Dinge waren ausschlaggebend: Erstens sind Erfolge immer dann am schönsten, wenn sie komplett aus dem Nichts kommen. In den letzten Jahren war unser Verein echt erfolgsverwöhnt. Aber noch wichtiger, zweitens: Über den DDMs 2020 und 2021 schwebte immer der trübe Geist der Corona-Pandemie. Bildlich gesprochen: Der streng nach Abstand getrennte Museumssaal in Hannover 2020 war nicht der Heidelberger Innenhof 2019. Und unsere versprengten Zoom-Zusammenkünfte 2021, die die SK in Orga- und Teamgrüppchen aufspaltete, erst recht nicht. 
Ich werde die DDM 2021 trotzdem in positiver Erinnerung behalten, wegen vieler schöner Erlebnisse und zahlreicher Ideen, Präsenzturnier-Feeling doch in die digitale Sphäre zu integrieren. Selbst wenn das 2019er Gefühl nicht zurückkehren sollte.

Finale der DDM 2020– immerhin noch in Präsenz…
…bei unserer Heim-DDM 2021 dann nur noch online.

Noch kurioser war das Gefühl freilich einige Wochen später beim letzten Turnier der Deutschen Debattierliga, veranstaltet (natürlich online) von den Marburgern. Zum Break kamen plötzlich die Koordinatoren der Deutschen Debattierliga in den Zoomcall, um zu verkünden: Die Streitkultur stehe nun als vorzeitiger Sieger der Liga fest. Pause. Unsere kleine Anzahl Vereinsmitglieder auf dem Turnier konnte kurz die Fäuste in die Höhe stemmen – natürlich zivilisiert gemutet –, dann war dieser Moment auch schon wieder vorbei. Ein Alumni merkte auf WhatsApp zurecht später an „früher hatte ein DDL-Sieg mehr Gewicht“. Das stimmt, aber auch hier war es einfach schwierig, groß zu feiern. Es sagt einiges über die Pandemie aus (und vielleicht auch über meinen Alterungsprozess), dass ich die DDL-Saison dieses Mal viel schlechter rekapitulieren kann als vergangene. Und das, obwohl ich fast jedes Turnier besucht habe. Nichts gegen diese Turniere! Alle davon waren positiv– aber natürlich können sie nicht so intensive Erinnerungen erzeugen, wie es eine 6h-stündige Autofahrt im SK-Auto, eine unbequeme Nacht auf WG-Fußböden oder eine lange Social-Party zu erzeugen vermögen. Schauen wir also stattdessen in den Turnierkalender, um die Erinnerung zu reaktivieren: 

  • August 2020– Hochhausdebatten (Ausrichter: DC Hannover): Gibt es auch selten: Saisonauftakt der DDL und gleichzeitig letztes Turnier vor der DDM. Yara und ich übten im DDM-Team, andere in der SK waren aber schon genügend vorbereitet: Marius und Domi redeten kurzerhand gemeinsam, so auch Konrad und Chiara (in deren Fall auch nicht das letzte Mal diese Saison). Die Hochhausdebatten setzen das Muster für die restliche Saison: Unsere beiden Top-Teams kamen weiter (ins Finale), aber gewinnen taten andere (in diesem Fall die gesammelte EZB-Kompetenz von Jan-Gunther und Philippe).
  • November 2020– Pöbelzdamm-Debatten (Wortgefechte Potsdam): Na gut, bei OPD-Turnieren sieht die Sache anders aus. Beim ersten OPD-Online-Turnier erst recht. Dort schafften wir ein Tübinger Finale, in dem der ganze Vorstand (und Konrad) vertreten war. Chiara war Chefjurorin. Das Finale ging ironischerweise über die Zeit des Home-Offices und wurde nach ein paar melancholischen Reden von Constanze, Emanuel und Konrad gewonnen.
  • [Bereits im Oktober war die Deutschsprachige Meisterschaft gewesen, von der oben schon die Rede war. Wovon noch nicht die Rede war: Von dem Rekord von Marius und Samuel, die mit 21 von 21 möglichen Punkten die Online-Vorrunden dominierten. Oder von der Tatsache, dass wir es mit allen vier Teams zu den KO-Runden nach Hannover fahren durften, wo dann ein Upper-Lower-Bracket-System für einiges an Verwirrung sorgte. Unsere beiden Topteams schafften es ins Finale zu Militärinterventionen– unter den Augen einer Ehrenjury u.a. um Ministerpräsident Weil und Battlerapper Ben Salomo]
  • Dezember 2020– Nikolausturnier (DC Münster): Die Streitkultur nahm sich eine Pause, sammelte aber fleißig Jurierpunkte. Einmal mehr wurde das Münsteraner ProAm mit 44 (!) Teams und direktem Finalbreak zu einem der kompetitivsten Turniere des Jahres; am Ende gewann (und markierte damit deren starke Saison) Hamburg/Hannover.
  • Dezember 2020– Schwarzwaldcup (DC Freiburg): Die Freiburger waren in Coronazeiten kreativ– das Turnier fand unter der Woche, kurz vor Sylvester und nur eintägig statt. Die Streitkultur war im Mixed-Team-Modus unterwegs: Samuel sammelte durch seinen Break ins Finale zusammen mit Btissam DDL-Punkte; Marius und (Beinahe-Nachwuchspreisträgerin) Jola verpassten selbiges knapp.
  • Januar 2021– Röntgencup (DC Würzburg): Knappe Finalniederlage, die zweite. Diesmal erwischte es Dominik und mich in einer Philosophie-Debatte über Moralskeptizismus. Es gewannen allerdings auch verdient Anne und Ruben, die schon zuvor das Tab angeführt hatten. Ich für meinen Teil kam wenig später aber bei der CD Berlin im Mixed-Team mit Konstantin aus Heidelberg auf meine Kosten.
  • März 2021– Streitkultur-Cup (Tübingen): Dafür war dann wieder das OPD-Format unser Heimspiel. In diesem Fall sogar wörtlich, denn es war schließlich unser Heimturnier. Aber dann war es auch wieder kein Heimspiel, denn natürlich mussten auch wir in die Online-Sphäre ausweichen. Also gab es kein Finale in der Alten Anatomie, dafür aber erneut zwischen zwei SK-Teams: Konrad, Joschka und Chiara setzten sich in einer Debatte über einen Olympia-Boykott gegen Brian, Emanuel und mich durch. Mit sage und schreibe 0,6 Punkten Abstand- 278,8 zu 278,2.
  • Mai 2021– @lstercup (Hamburg): Gegen Ende der Saison versöhnte sich unser Verein auch mit seinem BPS-Pech in der Liga: Dominik und Samuel konnten das Finale knapp im 3:2-Split gewinnen. Ansonsten kann ich euch zu dem Turnier nicht viel sagen, da ich nicht dabei war. Nur verdient Erwähnung, dass das Finalthema (kein Abzug aus Afghanistan) prophetische Züge hatte. Das Finale ist auch auf YouTube zu finden.
  • Juli 2021– Gebrüder Grimm Cup (Marburg): Am Ende stand dann das Turnier, von dem zu Beginn des Absatzes bereits die Rede war– da uns dort die Halbfinalteilnahmen von Chiara, Jan-Gunther und Constanze den DDL-Sieg bescherten. Für mehr als das Halbfinale reichte es leider nicht, weil ich als Chefjuror – wie böse Zungen behaupten – „zu viele CDU-Themen“ gestellt hätte. Dafür konnten sich Jonas und Kai für die Finalniederlage gegen Dominik und Samuel revanchieren und einen Sieg für Oxford (!) in die DDL-Liste eintragen. Nebenbei markierte der GG-Cup auch das Comeback des Marburger Debattierclubs. Soll mal niemand sagen, dass man in Pandemiezeiten als Debattierverein einschlafen muss.
Debattieren vor dem Bildschirm…
…Eindrücke von Turnieren 2020/21.

Fehlte der Saison – allen Erfolgen zum Trotz – am Ende doch der emotionale Höhepunkt?
Nein, denn den hatte es eine Woche vor dem Turnier der Marburger doch noch gegeben. Gerade weil sich das einstellte, was vorher gefehlt hatte: Der Überraschungsmoment und das Gemeinschaftsgefühl. 
Es war der Sonntag der Campus-Debatte Münster. Das Halbfinale stand an. Wir hatten zwei Teams (Chiara, Konrad und Emanuel / Constanze, JG und Jonas) in diesen Halbfinals, aber man rechnete ihnen keine großen Chancen aus: Sie waren dritter und vierter der Vorrunden gewesen– mit gehörigem Abstand zu zwei sehr erfahrenen Teams aus Münster und Berlin. Ein leicht unausgeglichen scheinendes Thema und die passende Auslosung machten Hoffnung. Aber sollte das reichen? Immer mehr mutmachende Reden unserer Leute wurden SK-intern vermeldet. Und dann das Ergebnis: Wieder ein Tübinger Finale!
Was dann aber die Krone aufsetzte, war die zweite Nachricht, die kurz darauf in unsere Gruppe platzte: Dominik und Samuel war es als erstes deutsches Team gelungen, in die offenen KO-Runden einer Weltmeisterschaft zu kommen!

In diesem Moment wurde dann doch für einen Moment die SK-Whatsapp-Gruppe zum Heidelberger Innenhof..

Beides zwar Fotos von den DDMs, aber man sieht: Gemeinschaft ging auch online.