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Hintergrund und Ablauf

Die Offene Parlamentarische Debatte: Herleitung, politische Vorbilder und gesellschaftliche Aufgabe

Die klassische parlamentarische Debatte zeigt schon seit langer Zeit ihre doppelgesichtige Erscheinung: Mit den griechischen und römischen Vorgängern hat das moderne Parlament die offene Beratungsdebatte gemeinsam. Bei dieser Debattenfunktion versucht der einzelne Redner durch seinen Beitrag das Wohlwollen und die Unterstützung seiner Zuhörer zu gewinnen und gegebenenfalls auch die Mitglieder anderer Parteien von seiner Position zu überzeugen.

Spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist neben diese Überzeugungsfunktion jedoch eine weitere, ihr teils entgegengesetzte, Debattenfunktion getreten. Unter dem Einfluss des politischen Parteiensystems und der medialen Verbreitung der Parlamentsdebatten gewann die Rechtfertigungsdebatte immer mehr an Bedeutung.

Ziel der Rechtfertigungsdebatte ist nicht mehr die Überzeugung des direkten Ansprechpartners oder die Schaffung von parlamentarischen Mehrheiten, sondern die Rechtfertigung und Sicherstellung bereits im Vorfeld getroffener Entscheidungen vor der Öffentlichkeit.

Primärer Adressat der Überzeugung sind damit nicht mehr die anderen Debattanten, sondern gegenwärtige oder spätere Zuschauer. Die gegnerischen Redner selbst sollen nicht mehr bewegt, und können daher wesentlich schärfer und eristischer angegriffen werden.

Diese zweite Hauptfunktion der Parlamentsdebatte haben sich die britischen Debattierklubs zum Vorbild genommen und sich in ihrem Gefolge äußerst scharfsinnige und schlagfertige Debatten geliefert, in denen die gegnerischen Redner möglichst erfolgreich demontiert werden sollten.

Die Offene Parlamentarische Debatte hingegen wendet sich wieder dem anderen Gesicht der Parlamentsdebatte zu. Durch die Einführung fraktionsfreier Redner und eine Flexibilisierung der Debatteninteraktion mit der Erweiterung von Zwischenreden, -fragen und -rufen soll eine Offene Beratungsdebatte auch in Debattierklubs verwirklicht werden.

Die Offene Parlamentarische Debatte nimmt sich damit eine politisch mittlerweile eher untergeordnete Debattenfunktion zum Vorbild, die jedoch außerhalb des Parlaments eine bedeutende Rolle in der gesellschaftlichen Praxis spielt.

Für diese offene Debatte ist der Januskopf spätestens seit Cicero und der skeptischen Akademie ein geeignetes Zeichen. Wo eine absolute Wahrheit nicht zugänglich ist – sei es im gesellschaftlichen oder philosophischen Diskurs oder bei Entscheidungen unter den Alltagsbedingungen endlicher Zeit und unvollständiger Information – hat sich das “Reden nach beiden Seiten” als nützlicher Weg erwiesen.

Der offene Widerstreit der beiden Fraktionen in der Debatte, symbolisiert durch die beiden Gesichter des Janus, lässt die Bereiche des Möglichen und des Wahrscheinlichen deutlicher hervortreten und ermöglicht es den fraktionsfreien Rednern, sich besser zu positionieren und unter den gegebenen Umständen die beste Entscheidung zu fällen. Diese Fähigkeit, das jeweils Glaubhafteste an einer Position für sich zu erkennen und seinen Zuhörern überzeugend zu vermitteln, soll durch das parlamentarische Debattieren gestärkt werden.

Dieses Ziel wird in der Offenen Parlamentarischen Debatte durch ein gutes Zusammenspiel von strukturierenden Fraktionsrednern mit flexibel reagierenden Freien Rednern und prüfend abstimmenden Zuhörern erreicht. Auf diese Weise werden die zentralen Qualitäten einer erfolgreichen Debatte vereinigt: Überzeugende Grundsatzreden, freie Meinungsbildung und besonnene Entscheidungen.

Michael Hoppmann

Ablauf einer Offenen Parlamentarischen Debatte

Zu Beginn einer Offenen Parlamentarischen Debatte wird das Thema wiederholt oder aus dem bekannt gegebenen Themenpool gelost und die unterschiedlichen Rednerpositionen festgelegt.

Dabei versuchen wir die Positionen so zu vergeben, dass die Fraktionen von Regierung und Opposition möglichst von Rednern besetzt sind, die sich auf das Thema vorbereitet haben und tatsächlich die entsprechende Meinung vertreten. Das mag vereinzelt zwar einmal schwierig sein, aber erfahrungsgemäß gewinnt das Niveau der Debatte, wenn jeder Fraktionsredner voll hinter seinen Äußerungen steht und Positionen verteidigt, die ihm vertraut sind.

Wenn diese sechs Positionen verteilt sind, werden auch die Rollen des Präsidenten und der fraktionsfreien Redner festgelegt. Wer hierbei noch nicht zum Zuge kommt oder noch neu in der jeweiligen Runde ist, kann als Zuschauer an der Debatte teilnehmen und wirkt auf ihr Ergebnis durch Stimmabgabe und Zwischenrufe mit.

Die so zustande gekommenen Teams ziehen sich jetzt noch mal für fünfzehn Minuten zurück, um ihre Strategie zu besprechen, die Eröffnung auszuarbeiten und Informationen über die Frage auszutauschen. Zur gleichen Zeit sammelt der Präsident Stimmzettel von den Freien Rednern und den Zuhörern ein, die in dieser geheimen Abstimmung ihre erste Meinung zur Debattenfrage abgeben. Nach Ablauf dieser Viertelstunde beginnt die eigentliche Debatte.

Nachdem der Präsident die Debatte offiziell eröffnet und die Frage wiederholt hat, halten die Eröffnungsredner von Regierung und Opposition nacheinander ihre jeweils siebenminütigen Anfangsplädoyers, in denen sie die vorliegende Frage noch einmal genauer bestimmen und die Hauptgründe für ihre Fraktionen darlegen. Auf die Eröffner folgen direkt die beiden Ergänzungsredner mit abermals sieben Minuten Redezeit, die die Argumente der Gegenseite versuchen zu widerlegen und ihre eigene Position zu stärken.

Ziel und Aufgabe dieser vier Fraktionsredner ist es, die nun folgenden fraktionsfreien Redner von ihrer jeweiligen Seite zu überzeugen und dazu zu bringen, für die entsprechende Fraktion in ihrer Rede Partei zu ergreifen. Während dieser ersten vier Reden haben alle freien Redner und die jeweilige Gegenseite das Recht, Zwischenfragen anzuzeigen. Lediglich die erste und letzte Minute dieser Reden ist gegen Zwischenfrage geschützt.Wenn die Fraktionsredner nun den genauen Inhalt der Debattenfrage so sorgfältig bestimmt haben und ihre jeweilige Position festgezurrt haben, folgen ihnen die Freien Redner in festgelegter Reihenfolge.

Die fraktionsfreien Redner haben sich während der Eingangsplädoyers für eine der beiden Seiten entschieden und erhalten nun in dreieinhalb Minuten die Gelegenheit, ihre Entscheidung zu begründen, die Argumente der anderen Fraktion anzugreifen und neue Argumente für die eigene Position vorzubringen. Ziel ist auch für die Freien Redner, dass sie die anderen fraktionsfreien Redner und die Gäste von Ihrer Position überzeugen. Sie dürfen während ihrer Kernredezeit nur vom Ergänzungsredner und vom Schlussredner der Gegenpartei befragt werden.

Nach einem Beitrag eines fraktionsfreien Redners hat der Eröffnungsredner der jeweiligen Gegenseite in einer einminütigen Zwischenrede Zeit auf die Argumente des jeweiligen Freien Redners einzugehen und ihn so dazu zu bringen, seine Meinung vielleicht wieder zu ändern. Auf diese Zwischenrede folgt die Rede des nächsten Fraktionsfreien.

Nachdem alle Freien Redner das Wort ergriffen haben und ihnen vom jeweils entgegengesetzten Eröffnungsredner geantwortet wurde, halten schließlich die Schlussredner ihre siebenminütigen Reden. Sie fassen die Debatte noch einmal zusammen und versuchen abermals die Freien Redner auf ihre Seite zu ziehen. Während sie diejenigen der Fraktionsfreien, die sich zu ihnen bekannt haben und auf ihrer Seite Platz genommen haben, in ihrer Meinung zu bestärken suchen, versuchen sie gleichzeitig, die anderer zum abschießenden Positionswechsel in der Endabstimmung zu bewegen.

Wenn auch sie zum Ende gekommen sind und mit dem Schlussplädoyer der Regierung die aktive Debatte endet, wird schließlich ein drittes Mal abgestimmt. Nach der ersten geheimen Wahl und dem mittleren “Abstimmen mit den Füßen” folgt jetzt eine offene Wahl der Fraktionsfreien und des Publikums. Sie ist der wichtigste Indikator für die Überzeugungskraft der festen Redner. Jede Stimme, die nun zusätzlich errungen wurde, zeugt von treffsicheren und angemessenen Argumenten und bedeutet einen kleinen Schritt auf dem Weg zum rednerischen Erfolg.

Michael Hoppmann

Kontakt

Bei Fragen zu den Dateien, zum Regelwerk oder ähnlichem wendet euch an die OPD-Regelkommission von Streitkultur e.V. Dort könnt ihr auch Anregungen zu Regelveränderungen loswerden. Die Regelkommission ist erreichbar unter der Emailadresse opd [:@] streitkultur[:]net

Handbuch zur OPD

Das Handbuch der Offenen Parlamentarischen Debatte, Tim-C. Bartsch, Michael Hoppmann, Bernd Rex (Hrsg,), 4te Auflage, Cuvillier Verlag, Göttingen 2006
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