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Warum debattieren?

“Rhetorik sei also als die Fähigkeit definiert,
das Überzeugende, das jeder Sache
innewohnt, zu erkennen.”
Aristoteles, Rhetorik

Warum wird in Debattierclubs eigentlich debattiert? Neben dem Spaß an der Sache geht es offensichtlich immer auch um Kompetenzentwicklung. Das studentische Debattieren kann vor allem in zwei Aspekten schulen: klares Denken und überzeugendes Reden.

Klares und strukturiertes Denken

Das folgerichtige, klare Denken wird in der Debatte vor allem mit Hilfe des Wechsels von Rede und Gegenrede geschult. Die Argumente werden immer durch die Gegenseite auf logische Inkonsistenzen geprüft; wer diesen Test bestehen will, tut gut daran, sich keine Widersprüchlichkeiten, mit seinen eigenen Argumenten und Prämissen und denen seiner Mitstreiter zu leisten. Und andersherum: In der Debatte ist der kritische Blick gefragt, der die Erklärungen der Gegenpartei auf Stichhaltigkeit prüft und Widerlegungen entwickelt.

Überzeugungskraft

Aber in der Debatte ist es wie im richtigen Leben: Recht haben heißt noch nicht Recht bekommen, die Argumente müssen auch angemessen Wirkung entfalten, das heißt: ich muss überzeugen. Überzeugung zeigt sich immer erst im Einzelfall. Was bei dem Einen einen Meinungswechsel hervorruft, wird dem Anderen als eine Lappalie erscheinen. Überzeugung lässt sich nicht aus abstrakten Lehrsätzen lernen, weil der Erfolg sich erst in der einmaligen Situation zeigt. Ein stringenter Gedankengang bleibt stringent; das, was überzeugt, ändert sich mit den Gegebenheiten. Im Gegensatz zum folgerichtigen Denken kann überzeugende Rede also nicht im stillen Kämmerlein trainiert werden, erst das Miteinander der Debatte eröffnet die Möglichkeit, Überzeugungskraft auf die Probe zu stellen.

Reinhören: Rede von Michael Hoppmann im Finale der Deutschen Meisterschaft 2004

Rhetorik ist immer auf den Zuhörer ausgerichtet, der Zuhörer soll zu einem Meinungswechsel gebracht werden oder gerade davon abgehalten werden. Es reicht nicht, Scharfsinn und Redegewandtheit zu präsentieren; hat sich im Zuhörer nichts getan, bleibt das rhetorische Ziel unerreicht. Die Überzeugung ist das einzige Erfolgskriterium des Redners.

Doch wie geht das vor sich? Überzeugung entsteht auf drei Dimensionen, die miteinander korrespondieren:

  • Glaubwürdigkeit: Die persönliche Glaubwürdigkeit ist die Grundlage der Überzeugung. Wirke ich als Person nicht glaubwürdig, brauche ich nicht zum Pult gehen, selbst wenn ich dort letzte Wahrheiten verkünden sollte, wird man mir keinen Glauben schenken. Das Publikum muss merken, dass der Redner auch hinter seiner Rede steht, nicht nur abstrakt einen Standpunkt vertritt, sondern auch das Thema zu seiner Sache macht, dafür gerade steht.
  • Argumentation: Überzeugung durch Argumentation bedeutet vor allem die sanfte Gewalt des zwingenden Arguments. Aber auch die muss dem Zuhörer erst dargelegt werden. Kann das Publikum meinen Argumenten nicht folgen, werde ich nicht überzeugen. Überzeugung durch Argumentation ist also mehr als logisches Denken: Ich muss das Ergebnis meines Denkens auch in angemessener Form präsentieren können.
  • Emotion: Durch die Emotion überzeuge ich, wenn ich den Zuhörer mitreiße, in Zorn versetze, betroffen mache oder ähnliches. Emotionalität ist nicht das Gegenteil von Rationalität, vielmehr oft dessen Begleiter. Vielen Redegegenständen werde ich nicht gerecht, wenn ich mich nicht auch betroffen zeige. Der Zuhörer wird vor allem dann emotional bewegt, wenn der Redner selbst Emotionen präsentiert, sich in Rage redet.

Meine Rede wird dann erfolgreich sein, wenn ich diese drei Dimensionen der jeweiligen Situation angemessen für meine Zwecke dienstbar machen kann. Das geht nur durch Üben.

Rhetorische Übungsformen sind dann wertvoll, wenn sie eine Nähe zu den tatsächlichen Forderungen des sozialen Lebens haben. Debatte kann genau das bieten. Debattieren bringt uns weiter, weil wir unser Denken schärfen und das Gedachte im gegenseitigen Gespräch überzeugend darlegen lernen.

Fazit

Offenes Parlamentarisches Debattieren eignet sich besonders zur Entwicklung der eigenen Überzeugungskraft, weil es immer ums Ganze geht: Es gibt immer einen Adressaten der Überzeugung, der eine eventuelle Meinungsänderung kundtun wird. Im Laufe der Debatte erweist sich dann, ob ich überzeugend war oder nur eine anständige Rede gehalten habe.

Reinhören: Rede von Markus Vergeest im Finale der Deutschen Meisterschaft 2004