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Der perfekte Antrag

Sehr geehrte Damen und Herren, Verehrte Regierung, Hochverehrte Opposition, Herr Präsident, Liebe Luna!

Ich freue mich, das wir uns heute hier zusammen gefunden haben, um eine sehr relevante Frage, eine bedeutsame Frage, ja eine drängende Frage zu erörtern. Aber lassen sie mich direkt mit der Beschreibung der Situation beginnen:

Der Status Quo, so wie wir ihn heute vorfinden ist unbefriedigend. Aber mehr noch, er ist auch schon seit einer geraumen Zeit so unbefriedigend und es ist uns zudem ein Leichtes, für Abhilfe zu sorgen. Gleichzeitig ist dieser Status Quo aber auch eine Handlungsaufforderung an gerade uns, denn während das Problem für uns geradezu im Handumdrehen zu lösen ist, würden andere Gremien und Versammlungen bereits an den hohen juristischen Hürden scheitern und wären nicht in der Lage hier selbstständig einzugreifen.

Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Luna:

Wir sind nun mittlerweile seit fast fünf Jahren fest verbunden und waren uns seitdem ununterbrochen in treuer Liebe ergeben. Dies ist als Ausgangsposition durchaus positiv zu bewerten, hat jedoch andererseits nicht die Festigkeit, nicht die soziale Akzeptanz und nicht die uneingeschränkte Zukunftsorientiertheit, die man sich von Beziehungen in unserem hohen Studentenalter erwartet. Um diesem Missstand möglichst zeitnah Abhilfe zu schaffen, schlage ich daher die folgenden Maßnahmen vor und möchte dies gleichseitig mit einem Antrag an Dich, Liebe Luna, verbinden.

Ich beantrage hiermit, dass wir zum 1.5. dieses Jahres standesamtlich heiraten und dann gegebenenfalls eine kirchliche Hochzeit sukzessive anschließen. Sollte dies zu unüberbrückbaren terminlichen Komplikationen führen, ließe sich diese zweite Phase meines Antrags auch zu einem geeigneten Zeitpunkt nachholen.

Bis zu diesem Zeitpunkt beantrage ich, eine ausreichende Anzahl von Einladungen an enge Freunde und Verwandte ersten bis dritten Grades zu versenden und diese in geeigneter Frist zu den damit verbundenen Feierlichkeiten zu laden. Hierbei sollte allerdings der Kreis der weiblicherseits verbundenen Gäste die Zahl der männlicherseits primär geladenen Gäste weder um mehr als 20% überschreiten, noch deutlich darunter bleiben.

[Zwischenfrage zur Quote!]

Ja.

[Warum wollen sie sich jetzt schon auf diese Quote festlegen, wo doch bei dieser Art von Festlichkeiten traditionellerweise vor allem das Maß der persönlichen Bindung zum Paar  und nicht die Verbindung zu einem von beiden ausschlaggebend sein sollte?]

Mein Herr, wir leben in einer modernen Zeit von Gleichberechtigung, Emanzipation und Progression. Abgesehen davon, dass für diese Werte eine Quotenregelung bereits an sich hilfreich ist, drückt unsere besondere Quote auch eine gegenseitige egalitäre Wertschätzung für den jeweiligen familiären Anhang aus und ist damit ein wichtiges Symbol.

Aber lassen sie mich im Antrag fortfahren. Ferner soll bis spätestens zum 1.4. eine Expertenkommission einen geeigneten Ehevertrag ausarbeiten, der dann beiden Seiten 14 Tage lang zur Einsicht vorgelegt wird, damit ggf. Änderungen im Detail noch vor der Ratifikation am 1.5. vorgenommen werden können. Einem geeigneten Eventunternehmen wird gleichzeitig die Organisation der Veranstaltung übertragen, damit die Gastgeber sich sowohl vor Ort, als auch im Vorfeld ganz ihrer sozialen Pflichten widmen können.

Nun, warum dies alles?

[Zwischenfrage!]

Ja.

[Warum gerade an diesem Termin, warum am 1.5.?]

Junge Dame, erstens handelt es sich am 1.5. mit einem Freitag um einen geeigneten Wochentag, um einerseits einen Standesbeamten bestellen und andererseits eine abendliche Feier ausrichten zu können und zweitens ist der Mai, der ja zudem als sogenannter „Wonnenmonat“ ein geeignetes Hochzeitssetting abgibt, in optimaler Entfernung, um alle notwendigen Vorkehrungen noch treffen zu können, aber gleichzeitig dem momentanen Missstand baldigstmöglich Abhilfe zu schaffen. Zudem würde eine Vorverlegung um einen Monat unter Umständen einen humoristische Ausrichtung diese Antrages konnotieren, die wir ja unter allen Umständen vermeiden wollen.

Warum also dies alles?

Drei Gründe möchte ich Ihnen im Folgenden vortragen, die uns zu diesem Antrag bewegen sollten.

  1. Den sozialen und familiären Aspekt,
  2. Die emotionalen Dispositionen (Liebe)
  3. Und nicht zuletzt finanzielle Gründe

Zum ersten Bereich:

Im Gegensatz zu einer weitestgehend formlos gehaltenen zwischenmenschlichen Beziehung, genießet eine Ehe immer noch ein vergleichsweise hohes Ansehen. Dies ist zum einen im Berufsleben, auf Empfängen, bei der Wohnungssuche etc. von Vorteil, zum anderer ist dies aber auch die ideale, um nicht zu sagen, geradezu notwendige Basis für spätere Familiengründungen.

Wenn wir nicht nur ideelle und emotionale, sondern auch personelle Fortschritte in unserer Beziehung machen wollen, ist die Ehe hierfür die ideale und seit Jahrhunderten bewährte Institution. Für die Kinder ist so eine klassische Familie vorhanden und von außen lassen sich bei Bedarf die Konstellationen ebenfalls rasch erfassen.

Andererseits ist es aber auch ein wichtiges Symbol gegenüber unseren jeweils einzeln übergeordneten Familien, dass es sich bei unserer Beziehung um ein vollwertiges Spin-Off ihrer Verbindungen handelt, dessen Selbstständigkeit auch gewisse Implikationen z.B. an Weihnachten oder bei sekundären Familienfesten der Altfamilie hat.

Die emotionalen Dispositionen:

[Zwischenfrage!]

Abgelehnt.

Die emotionalen Dispositionen:

Ein guter Freund von mir sagt immer: „Ein Flirt lebt von der Zukunft, eine Beziehung lebt von der Gegenwart und eine Ehe lebt von der Vergangenheit!“.

Sehr geehrte Luna, wir haben die Phase des Flirts auf einer Party Deines Ex sehr kurz und intensiv hinter uns gebracht und seither die Phase der Beziehung umfangreich abgearbeitet. Lass uns gemeinsam einen Schritt weiter in die Zukunft gehen, damit wir dann zurückblickend sagen können: Ja, wir leben von der Vergangenheit und zwar von einer guten Vergangenheit. Das Schicksal jedes zukunftsorientierten Fortschritts ist es, dass hinter ihm mehr Vergangenheit anwächst. Für diesen temporalen Kreis aber, aus Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit scheint mir ein Ring das beste und aussagekräftigste Symbol zu sein. Und auch in diesem Bereich, also der Ringorientiertheit, ist die Hochzeit ja wiederum die Veranstaltung der Wahl.

Sehr geehrte Damen und Herren, lassen sich mich aber auch noch auf meinen letzten Grund kommen, der für sich allein betrachtet bereits viele Menschen zu einem vergleichbaren Antrag bewegt:

Die Finanzen:

Sehr geehrte Damen und Herren, es ist ein offenen Geheimnis, das ein Hinüberwechseln in den Ehestand wesentliche finanzielle Vorteile mit sich bringt.

[Zwischenfrage zur Finanzierbarkeit!]

Ja, bitte.

[Sie sprechen hier von finanziellen Vorteilen; aber bringt nicht gerade Ihr Antrag finanzielle Belastung im fünfstelligen Eurobereich mit sich, die ohne Ihren Antrag gar nicht erst anfallen würden? Sollten sie nicht gerade hier sparen?]

Nein, mein Herr, da schätzen sie die Lage falsch ein. Zum einen handelt es sich hier um punktuelle Investitionen, die durch die steuerliche Ersparnisse innerhalb von wenigen Jahren wieder aufgewogen werden, und zum anderen fallen diese Kosten ja auch primär gar nicht bei uns selbst an, sondern werden traditionellerweise fast vollständig von den Eltern der Braut übernommen. Und da diese sich in einer ausreichend wohlsituierten Situation befinden, um eine angemessene Hochzeit zu finanzieren, spricht auch von dieser Seite nichts dagegen. Möglicherweise haben sie sogar eine gewisse Freude an dieser Finanzierung, weil sie ihre Tochter dann in guten Händen wissen.

Es erübrigt sich in der Kürze der verbleibenden Zeit noch detaillierter auf die zahlreichen Steuer-, Gebühren- und Abgabenersparnisse einzugehen, weil Ihnen die meisten davon bereits weitestgehend persönlich bekannt sein dürften.

Hinzufügen möchte ich aber noch, dass ja auch die regelmäßig nach Hochzeiten einsetzende Wohnsitzkonzentration zu einer wesentlichen Reduktion der laufenden Kosten führt und u.U. bei der Wohnungsauflösung zusätzlich auch noch nicht unerhebliche Veräußerungserlöse auftreten können.

Aus all diesen Gründen im sozialen im emotionalen und im finanziellen Bereich, oder um es volksnäher auszudrücken: wegen der Leute, wegen der Liebe und wegen der Kohlen, stimmen sie diesem Antrag zu und unterstützen sie den umgehenden Eheschluss von dieser Anwesenden und mir.

Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Luna, das Problem ist erkannt, es ist drängend und wir können ihm Abhilfe schaffen. Aus all den vorgetragenen Gründen und weil wir handeln sollten, solange Du noch ansehnlich genug für ein Hochzeitsphoto bist:

Luna, willst Du meine Frau werden?

Michael Hoppmann