 |
|
Karsten Stölzgen, 17.12.2001 |
Zurück zur "Hauptseite Kurzrede"
Zitatvorgabe:
Phaedrus IV, 15:
Das Lamm sucht seine Mutter
Dem Schaflamm, das in einer Ziegenherde blökt, erklärt ein Hund: "Du
irrst, du Dummchen; hier ist deine Mutter nicht." Und dabei weist er
auf die weit entfernten Schafe."Ich suche jene nicht, die, wenn es
jemandem beliebt, empfängt, und dann die unbekannte Last herumträgt
jene feste Monatszahl, zu guter Letzt in einem rutsch ihr Päckchen von
sich gibt. Nein, jene such ich, die mich ernährt und mir das Euter
reicht und ihre Kinder um die Milch betrügt, damit sie mir nicht
fehlt." "Die größere Geltung hat doch die, die dich gebär!" - "Nein,
nein so ist es nicht. Woher denn sollte jene wissen, ob ich schwarz
geboren würde oder weiß? Und weiter: Hätte sie gewünscht, ein Mädchen
zu bekommen, hätte es ihr nichts genutzt, dieweil ich ja ein Männchen
wurde. O große Wohltat, die ich zur Geburt erhielt, den Metzger zu
erwarten Stund um Stund! Wenn sie bei der Erzeugung kein
Verfügungsrecht besaß, wieso soll sie dann größere Geltung haben als
die andere, die sich erbarmte, als ich dalag, und von selbst sich
liebevoll und gütig zeigte? Die Güte ist´s, die Eltern ausmacht, nicht
das Band des Blutes."
Liebe Freunde,
ich möchte zu euch über die Liebe reden. Und über Katzen. In Anspielung
auf das Schlafverhalten der Katze und die DDR-Parole "Von der
Sowjetunion lernen heißt siegen lernen" sagte Robert Gernhardt: "Von
einer Katze lernen heißt: liegen lernen." Wir wollen von der Katze das
Lieben lernen.
Meine Mitbewohnerin hat einen Kater. Er ist 4 Monate alt, rotgestreift
und verspielt. Tamy, meine Mitbewohnerin, hat ihn seit er ein paar
Wochen alt ist und fühlt eine echte Mutterliebe zu ihm. Sie gibt ihm zu
fressen, bringt ihn zum Tierarzt und macht jeden Tag das Katzenklo
sauber. Wenn Tamy von der Arbeit kommt, freut sie sich schon auf die
gemeinsame Zeit. Ich kann ihr das nachfühlen. Diese Katze, Mo, ist
genauso, wie man sich eine süße kleine Katze im besten
Katzenkinderalter vorstellt. Nun ja. Fast. Mo hat sich nämlich nicht
gerade als typischer Vertreter seiner Gattung herausgestellt. Statt
ständig schmusen zu wollen oder einfach süß schnurrend auf dem Schoß zu
liegen steht er lieber heftige Kämpfe mit allem sich Anbietendem aus.
Die Bandbreite geht hier vom Wollknäuel über herumliegende Landjäger
bis hin zu allen erreichbaren Körperteilen Tamys. Was selten ohne
Schmerzen und niemals ohne eine erhebliche Menge Kratzer von statten
geht. Glücklicherweise fließt nur selten Blut. Nichtsdestotrotz fühlt
Tamy eine tiefe Liebe zu dieser Katze. Zwar hat sie sich ihre Zukunft
als Frauchen anders vorgestellt, da es nun aber so gekommen ist, findet
sie sich damit ab. Schließlich ist es ihre Katze und sie das Frauchen.
Aber, liebe Freunde, ist das denn die wahre Liebe? Tamys Liebe ist
tief, sie ist vorbehaltlos und unbedingt. Aber sie beruht nicht auf
einer wirklichen Entscheidung. Tamy hat sich für die Liebe zu dieser
Katze entschieden, bevor sie ihre Eigenschaften kannte. Mo hat ihre
Liebe nicht verdient, sondern erhielt sie als Geschenk. Aber die wahre
Liebe ist kein blindes Schenken, wie die Liebe Tamys zu ihrer Katze,
sozusagen ins Blaue hinein. Tamy hat, verzeiht mir diesen Kalauer, die
Katze im Sack gekauft. Sie hat sich nicht für Mo sondern für eine Katze
entschieden, die dann zufällig Mo war. Ähnlich die Mutter. Die Mutter
hat sich, und das auch nur im besten Falle, für ein Kind und für die
Liebe zu diesem Kind entschieden. Welche liebenswerten Eigenschaften
das Kind hat, und ob überhaupt, das wird erst zu einem Zeitpunkt klar,
zu dem die Liebe der Mutter zu ihrem Kind bereits nicht mehr
revidierbar ist. Sie ist dem Kind geschenkt, nicht dem Mensch. Wahre
Liebe ist jemandem geschenkt, nicht irgendjemandem. Und für dieses
Geschenk gibt es immer Gründe. Ungern bemühe ich für meine
Argumentation Formeln des Katholizismus; ich werde es trotzdem tun,
weil ich glaube, dass in knapp 2000 Jahren katholischer Theologie
intensiv und fruchtbar über die Liebe nachgedacht wurde: Die Liebe
Gottes ist unbedingt und ein Geschenk. Die Liebe unter den Menschen
aber ist die Antwort auf eine Entscheidungsfrage: "Willst du mit der
hier anwesenden Braut dein Leben teilen, sie ehren und lieben bis dass
der Tod euch scheidet?" In vielen Fällen heißt die Antwort "Ja". Ich
entscheide mich vor dem Traualtar für einen Menschen, mit dem mich
keine Blutbande verbindet, es gibt keine äußeren Gründe, warum ich mich
für diesen Menschen entscheide und nicht für einen anderen (wir wollen
hier von dem Sonderfall der umfangreichen Mitgift absehen). Ich habe
diesen besonderen Menschen kennengelernt, seine Stärken, seine
Schwächen und das Besondere an ihm. Genauso habe ich viele andere
Menschen kennengelernt, viele Stärken gesehen und viele Schwächen
beobachtet. Aber nur mit einem Menschen werde ich mein Leben teilen.
Ist diese Form der Liebe nicht viel höher und edler als die Liebe, die
sich von Zufällen des Lebens, wie Geburt oder Frauchen-Kater-Verhältnis
her bedingen? Ich glaube ja.
Nun höre ich schon eure Einwände, liebe Freunde. Ja, ja, jede dritte
Ehe wird geschehen und täglich beobachten wir das Scheitern von Ehen ob
in den Medien oder im privaten Umfeld. Aber, liebe Freunde, wer hat
denn gesagt, dass es einfach ist? Wer hat denn behauptet, dass die
wahre Liebe, von der ich hier spreche an jeder Straßenecke zu haben
ist. Wäre es nicht eher verwunderlich, wenn jeder, selbst der stumpfste
Genosse und der roheste Kumpan, ohne viel Aufhebens die wahre Liebe
erreichen könnte? Menschen irren sich, Menschen treffen die falschen
Entscheidungen oder fallen auf eine blendende Oberfläche herein. Das
gehört dazu. Das ist menschlich. Aber wird deswegen die wahre Liebe
weniger wahr? Ist die höchste Verbindung zwischen zwei Menschen keine
hohe Sache mehr, weil Menschen an ihr scheitern? Nein!
Die wahre Liebe zwischen Menschen ist die Liebe als Antwort auf eine
Frage. Als Antwort auf die Frage, wem ich meine Liebe schenken möchte,
für wen ich mich entschieden habe. Darin drückt sich die Freiheit des
Menschen aus. Die Liebe der Mutter zu ihrem Kind mag eine innige, eine
tiefe Liebe sein, sie ist niemals eine bewusste Hinwendung eines
Menschen zu einem besonderen Menschen.
|
|
 |
|