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Michael Hoppmann, 14.01.2002

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Zitatvorgabe:

Martial/Mostar, Der Vorsichtige

Kommt meine Liebste ganz bestimmt,
trink ich als guter Zecher,
weil Rausch im Bett die Kräfte nimmt,
beim Warten bloß fünf Becher.

Kommt meine Liebste nur vielleicht,
wird meine Vorsicht schwächer.
Zum Trost, doch dass die Kraft noch reicht,
riskier ich sieben Becher.

Doch wenn sie überhaupt nicht kam,
dann pfeif ich armer Schächer
auf Kraft und Lust und trink vor Gram
fünfundzwanzig Becher.


Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Mit-Streiter,

Kurt Tucholsky gibt in seinen "Ratschlägen für den schlechten Redner" dem völligen rhetorischen Dilettanten die Anweisung, seine Ansprache immer mit den Alten Römern zu eröffnen.
Nun, ich stehe hier zwar als weitgehender, rednerischer Anfänger vor euch, aber ich will die Rüge des alten Russen trotzdem vermeiden und werde meine Rede deshalb nicht mit den Alten Römern, sondern mit den Alten Griechen beginnen:

Zitat:

Es ist nicht weiter überraschend, daß der Dionysos in Griechenland so freudig aufgenommen wurde. Wie alle Völker, die sich kulturell rasch entwickelten, hatten auch die Griechen oder zumindest ein bestimmter Teil von ihnen eine Vorliebe für das Primitive; sie sehnten sich nach einer triebhafteren und leidenschaftlicheren Lebensweise, als die herrschenden Moralvorschriften es zuließen. Vernünftig zu sein ist für den Mann oder die Frau beschwerlich, die sich zwangsweise kultivierter benehmen müssen als sie empfinden; Tugend wirkt dann wie eine Last oder wie Sklaverei. Das führt zu Reaktionen im Denken, Fühlen und Verhalten. [...]

Der kultivierte Mensch unterscheidet sich vom Wilden hauptsächlich durch die Vorsicht oder, um einen etwas weiteren Begriff anzuwenden, durch die Vorsorge. Bereitwillig nimmt er gegenwärtige Leiden um zukünftiger Freuden willen auf sich, selbst wenn die künftigen Freuden recht fern liegen. Diese Einstellung gewann Bedeutung, als der Mensch den Acker zu bestellen begann; kein Tier und kein Wilder würde im Frühling arbeiten, um im nächsten Winter etwas zu essen zu haben; eine Ausnahme machen einige wenige, rein instinkthafte Formen des Handelns , wenn etwas die Bienen Honig herstellen oder die Eichhörnchen Nüsse vergraben. [...] Echte Vorsorge liegt aber nur vor, wenn ein Mensch etwas tut ohne dazu getrieben zu sein, nur weil sein Verstand ihm sagt, daß er zu einem späteren Zeitpunkt Nutzen davon haben wird. [...]

Die Kultur hält die Triebe nicht nur durch Vorsorge, einen selbstauferlegten Zwang, in Schranken, sondern auch durch Gesetze, Sitte und Religion. Dieses Einschränken hat sie vom Barbarentum ererbt, doch geschieht es bei weniger instinktiv und dafür systematischer. Bestimmte Handlungen werden als kriminell bezeichnet und bestraft; andere werden zwar nicht bestraft, gelten aber als schlecht und führen zur gesellschaftlichen Ächtung der Schuldigen. [...] Einerseits werden dem einzelnen die Interessen des Staates aufgezwungen; andererseits opfert der einzelne, der sein Leben zu überblicken gelernt hat, in zunehmendem Maße seine Gegenwart der Zukunft.

Ganz offensichtlich kann man diese Vorsorge übertreiben wie es beispielsweise der Geizhals tut. Doch auch ohne so ins Extrem zu gehen, vermag Vorsorge leicht zum Verlust einiger der schönsten Dinge im Leben zu führen. Wer Dionysos verehrt handelt wider die Vorsicht. Im physischen oder geistigen Rausch gewinnt er eine Intensität des Fühlens wieder, die durch die Vorsicht verlorenging; er entdeckt erneut die Freude und Schönheit in der Welt; seine Phantasie ist plötzlich befreit von den Fesseln der alltäglichen Vorurteile. Das Bacchus-Ritual löst den sogenannten >Enthusiasmus< aus; dieses Wort bedeutet etymologisch, daß der Gott in den Anbetenden eingeht, so daß er glaubt, mit dem Gott eins zu werden. In vielen menschlichen Höchstleistungen finden wir ein gewisses Element des Rausches; die Leidenschaft triumphiert gleichsam über die Vorsicht. Ohne das bacchische Element wäre das Leben reizlos, mit ihm ist es gefährlich. Vorsicht contra Leidenschaft - dieser Konflikt zieht sich durch die ganze Weltgeschichte. Hier handelt es sich um einen Konflikt, bei dem wir nicht ganz einseitig Partei ergreifen sollten."

Hier endet das Zitat von Bertrand Russel und gleichzeitig die Übereinstimmung seiner Worte mit meiner Rede. Denn ich will einseitig Partei ergreifen. Für das was er das ´bacchische Element´ nennt, oder was wir einfach als ausgelassenes Trinkgelage bezeichnen könnten.

Nicht etwa, weil ich glaube, dass dies die wichtigere Seite des Lebens ist, sondern weil ich der festen Überzeugung bin, dass unsere hochgeschätzte Vernunft bereits ausreichend eloquente Apologeten hat. Die Lobby des Morgen ist beeindruckend groß und an jeder Ecke zu finden, nur das Heute findet kaum mehr Verteidiger.

Diese Rede soll sich nicht mit der politisch korrekten Vernunft, sondern mit dem enthemmten Klardeutsch beschäftigen.

Meine Herren,

wenn ihr gelegentlich mal einen über den Durst trinkt, dreckige Witze erzählt und unanständig mit fremden Frauen flirtet, dann ist das gut so.
Denn dreckige Witze und unanständiges Interesse an Anderen sind allemal besser als saubere Wahrheiten und ein anständiges Interesse an sich selbst.

Ich möchte hier natürlich nicht den täglichen exzessiven Alkoholgenuss verteidigen, aber ich glaube, dass das gelegentliche Gelage einen sehr positiven und natürlichen Einfluss auf den verkopften, analytischen Menschen haben kann.

Wir sind es gewohnt, alle Dinge nach ihrer Konsequenzen zu beurteilen, unser Verhalten auf Sozialverträglichkeit zu untersuchen und selbst dem größten Idioten noch mit einer gewissen Höflichkeit gegenüberzutreten.
Das mag alles auch für unsere Gesellschaft, unser persönliches Vorankommen und den sozialen Frieden recht nützlich sein, aber es ist unmenschlich.

Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, sich immer gut und nett und höflich zu verhalten. Ein Teil von ihm will auch die Ausschweifung, den Krieg und den Streit.
Und wo, wenn nicht im geschützten Reservat des abendlichen Gelages, kann er diese Seite einmal ausleben.

Nennt doch einmal einen Polizisten einen Rechthaber,
nennt doch einmal die Bridgerunde eurer Tante hanebüchenes Gelaber,
oder nennt doch mal euren Dorfpfarrer einen Ignoranten,
und ihr werdet die volle Last der gesetzlichen, gesellschaftlichen und moralischen Sanktionen auf euch verspüren!

Aber nennt einmal bei einer feuchtfröhlichen Abendrunde euren Gegenüber einen rechthaberischen, hanebüchenen Ignoranten und ihr werdet maximal die Glocke des Präsidenten der Debatte zu hören bekommen.

Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, diese Menschlichkeit der etwas anderen Art auch einmal ausleben zu können. Am Stammtisch mal das direkt und ehrlich freiraussagen zu können, was sonst vielleicht auf Dauer im Magen klemmt.

Ein gutes Besäufnis ist die beste Katharsis, die man sich vorstellen kann.

Nun mag es sich aber einmal begeben, dass Mann selber von all diesem auch schon lange überzeugt ist, das es aber äußere Einflüsse gibt, die einen mit dem Kochlöffel, der Bratpfanne oder der zusammengerollten Emma-Zeitschrift in der Hand davon abhalten wollen, sich mit guten Freunden zusammen mal so richtig vollaufen zu lassen!

Meine Herren,

die Alten sagten: "In vinum veritas"!
Ich glaube das nicht. Ich glaube nicht die Wahrheit, sondern die Ehrlichkeit steckt im Wein!

Wenn eure Frauen euch also gelegentlich mal verbal enthemmt sehen, so ist dies eigentlich eine hervorragende Möglichkeit, sowohl euch besser zu verstehen, als auch die Festigkeit der Beziehung zu testen.

Wer mich im gepflegten Suff nicht mag, der wird mich auch im Herzen wohl nicht mögen. (Gut werdet ihr sagen, dass ist ja auch kein Wunder - aber ich rede ja auch nicht von mir, sondern von euch allen! ;-) )

Geschenkt, vielleicht ist aber auch nicht die Holde, die euch nicht mag, wenn ihr betrunken seid, sondern ihr selber.
Solltet ihr dann nicht umgehend dem Alkohol entsagen? - Gute Idee, schmeißt doch einfach den Geigezähler weg, dann wird es schon keine Strahlung mehr geben!?!
Auch hier ist natürlich der Lügendetektor Schnaps nur wieder eine Hilfe zum "Erkenne dich selbst".

Aber vielleicht ist es ja auch nicht das, was euch trotz besseren Wissens vom trinken abhält.
Vielleicht ist es ja der kleine Freund, der ein bisschen sensibel auf das sechste Pils reagiert. Vielleicht braucht ihr ja seine Hilfe noch just in derselben Nacht.

Meine Herren,

auch das ist kein Argument!

Ich rate euch eher zum Leid der Leber als zur Lust der Lenden!

Wenn ihr aber all eure Freunde wirklich zu Gunsten der Wolllust im Stich lassen wollt, dann stellt zumindest sicher, dass diese zweite Hochzeit auf der ihr an dem Abend tanzen wollt auch wirklich stattfindet!

Denn eins sage ich euch: Es ist leichter, ein leeres Glas voll zu kriegen als ein leeres Bett. - Und es macht mehr Spass!

Ich schließe:

Die Philosophie sagt: trinke!
Die gute Frau sagt: trinke!
Das weise Ich sagt: trinke!

Und wenn der kleine Er dann sagt: Überlegs Dir nochmal! - dann lasst euch nicht kirre machen!

Mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Weil ich das aber noch kein schönes Ende finde, entlasse ich euch lieber mit einem weiteren pseudointellektuellen - aber diesmal kurzem - Zitat, von einem, der es wissen muss:

Friedrich Nitschtze: Das trunkene Lied, 6. Strophe:

Süße Leier! Süße Leier! ich liebe deinen Ton, deinen trunkenen Unken-Ton! - wie lang her, wie fern her kommt mir dein Ton, weit her, von den Teichen der Liebe!

Du alte Glocke, du süße Leier! Jeder Schmerz riß dir ins Herz, Vaterschmerz, Väterschmerz, Urväterschmerz; deine Rede wurde reif, -
- reif gleich goldenem Herbste und Nachmittage, gleich meinem Einsiedlerherzen - nun redest du: die Welt selber ward reif, die Traube bräunt,
- nun will sie sterben, vor Glück sterben. Ihr höheren Menschen, riecht ihr´s nicht? Es quillt heimlich ein Geruch herauf,
- ein Duft und Geruch der Ewigkeit, ein rosenseliger brauner Gold-Wein-Geruch von altem Glücke,
- von trunkenem Mitternachts-Sterbeglücke, welches singt: die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht!


Ich danke für eure Aufmerksamkeit.

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