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Markus Vergeest, 18.02.2002

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Zitatvorgabe:

Matthäus 19, 13-15:

"Da wurden Kindlein zu ihm gebracht, daß er die Hände auf sie legte, und
betete; die Jünger aber fuhren sie an. / Aber Jesus sprach: Lasset die Kindlein und wehret ihnen nicht zu mir zu kommen; denn solcher ist das Himmelreich. / Und legte die Hände auf sie, und zog von dannen."



Meine Damen und Herren.

In Anlehnung an mein heutiges Thema hätte ich vielleicht auch die Anrede: Liebe - zukünftige - Väter und Mütter, wählen können. Aber, wer will sie heute noch: Die lieben Kinder? Arno Schmidt sagte dazu: "Eltern, die immer noch Kinder in diese Welt setzten, müßten bestraft werden (d.h. finanziell: fürs erste Kind müßten sie 20 Mark monatlich zahlen, fürs zweite 150 fürs dritte 800). [...] in 100 Jahren ist die Menschheit auf 10 Millionen runter, dann läßt sich wieder leben!" (Brand's Haide)

Eben dieser Frage will ich mich in meiner Rede widmen: Der Zukunft des Kinderbekommens, mithin der Zukunft der Kinder und damit der Menschheit. - Ein großes Wort: "Zukunft der Menschheit": richtiger wäre es zu sagen, die Zukunft der sogenannten zivilisierten westlichen Welt: die von sich selbst meint, daß ihr Beispiel über kurz oder lang auch im Rest - sprich wirtschaftlich weniger erfolgreichem Teil - der Welt zur Umsetzung kommt. Und ohne Wertung muß man zugestehen: Ja, scheinbar setzt sich unser Lebensstil (man spricht von Lifestyle) mehr und mehr durch. Es ist hier nicht der Ort zu entscheiden, ob das gut oder ein Übel ist.


Die Kinder - genauer die Zukunft der Kinder - soll mein heutiges Thema sein. Nun auf den ersten Blick wird man sich denken: "Was gibt's da schon zu sagen? Das hat nun die paar tausend Jahre geklappt, da wird es doch für die nächsten paar noch reichen." Nun, das mag so sein. Aber leben wir nicht in einer Welt, die sich etwas schneller dreht als noch vor - ein paar tausend Jahre muß man hier nicht erst bemühen - als noch vor 200 Jahren? Wer hätte am Anfang des 19. Jahrhundert schon an die lustigen kleinen Schalter neben jeder Tür geglaubt. Oder an die Fahrzeuge "ut sine animali moveantur" die heute in jeder Garage stehen. Vor der Kraft des Atoms fürchtete sich noch niemand und von den neueren Erfindungen: wie zum Beispiel: dem Internet; träumte nicht einmal Jules Verne. Der Zweifler mag nun einwenden: "Aber der Mensch
an-sich bleibt davon doch völlig unberührt!" Ist das wirklich so? Übernehmen nicht schon kleine Maschinen die Aufgaben unserer Herzen, spricht nicht schon mancher: "Ach ein zweites Herz schlägt in meiner Brust"? - "Aber die Fortpflanzung ändert sich nicht" wird derselbe Zweifler wohl nicht einwenden. Jeder kennt die neusten Entwicklungen in der Gentechnik - nicht erst seitdem der Bundestag darüber debattiert.


Schon das Wort: "Kind" betont die Wichtigkeit des Zeugungsprozesses für das entstehende Geschöpf. Der Begriff leitet sich von dem alt-angelsächsisch "cynd" ab, was Geburt aber auch Erzeugung bedeutet. Wir folgern daraus: auch das: Wie erzeugen zählt für den Menschen, nicht nur die Erziehung. - Bei anderen Tieren nennen wir die Erziehung; Auf-Zucht. Das heiß: eine Zucht die auf etwas größeres oder besseres zielt. Zucht bedeutete früher etwas anderes als heute. Man sprach von "Zucht und Ordnung"; Zucht-Haus und ähnlichem. Heute sagt Zucht / züchten: etwas zu seinem besseren manipulieren, und zwar vor der Geburt. Noch machen wir, auch sprachlich, einen Unterschied zwischen der Aufzucht von Tieren und der Erziehung von Menschen. Noch...!


Der italienische Frauenarzt Severino Antinori plant schon in diesem Jahr; im Jahre 2002, die Geburt des ersten geklonten Menschen. Stammzellen und pränatale Diagnostik sind heute jedem medizinischem Laien ein Begriff. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis man Menschen auf Wunsch züchten kann. Blonde Haare, blaue Augen - kein Problem. Einmal dies Genom verkleinern, jenes erweitern und fertig ist das Wunschkind. Wunschkind? Was mag man sich denn als Elternpaar der Zukunft so alles wünschen: Gesundheit, langes Leben, hohe Intelligenz etc. etc. Was würde daraus folgen? Die Menschen würden noch länger leben, es gäbe noch mehr von ihnen, knappe Ressourcen - Land, Nahrung, Brennstoffe - würden noch rarer. Kann dies im Interesse der Gesellschaft sein - und wenn nicht was dann? In Dürrenmatts Physikern heißt es einmal: "Was einmal gedacht worden ist, kann nicht mehr zurückgenommen werden." Wir werden also mit den Mitteln der Gentechnik ebenso wie mit den Auswirkungen der Atomtechnik leben müssen. Und sie wird, ohne Zweifel, angewendet werden.

Nur wie? Fragen wir doch die Dichter:
Schon früh wurde in der Literatur die Möglichkeit durchdacht, mittels Zucht das Menschengeschlecht zu verbessern. In Tomaso Campanellas "civitas solis": dem Sonnenstaat, wird schon zu Beginn des 17. Jahunderts von der Möglichkeit berichtet "bessere Menschen" zu erzeugen. Allerdings waren die Mittel damals, gemessen an unseren heutigen Möglichkeiten, noch recht simpel. Die Bewohner des Sonnenstaates trennen strikt zwischen der Sexualität um Nachwuchs zu zeugen und der reinen Triebbefriedigung. Letztere findet nur mit unfruchtbaren Frauen Vollzug: man will ja die Zeugung nicht dem Zufall überlassen. Zeugen dürfen Mann und Frau nur, wenn beobachtende Priester ihre Zeugungsfähigkeit erklären. Dann werden erst einmal die Sterne beobachtet, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

Auch die Auswahl der - mir liegt das Wort Zuchttiere auf der Zunge - die Auswahl der Betreffenden wird nicht dem Zufall überlassen:
"Man verbindet Gelehrte mit Frauen, die von Natur aus lebhaft,
lebenstüchtig und besonders schön sind. Umgekehrt gibt man
tatkräftigen, rührigen, raschen und jähzornigen Männern fette
Frauen von sanften Sitten." (S. 132)


Die Sonnenstaatler begründen ihre Vorgehensweise ganz sachlich und schlicht:
"Sie behaupten, daß eine gute Veranlagung [...] nicht durch
irgendwelche Bemühungen erworben werden [kann]. [...]
Deshalb müsse man seine ganze und hauptsächliche Sorgfalt
auf die Fortpflanzung richten ..."


Das klingt doch erst einmal recht einleuchtend, aber wer von uns, wer in unserer Gesellschaft wollte sich auf solche Grundsätze einlassen: "Wir mischen einmal dich und dich, das wird dann ein gutes Kind". Aber nicht nur unser Hang zur Selbstbestimmung verbietet uns ein solches Vorgehen, die moderne Medizin hat recht eindeutig gezeigt, daß solche Formen der Eugenik nicht funktionieren. Die Zeit, in der ein Landarzt zu einer Magd sagen konnte: "Und immer schön waschen, sonst bekommst du ein Ferkel" sind schon eine Weile vorbei.


Aber die Schriftsteller haben auch modernere Entdeckungen der Wissenschaft, des sogenannten Fortschritts, in ihr Werk aufgenommen. Denken wir nur an die "Schöne neue Welt" Aldous Huxleys. Auch hier wird ein Staat der Zukunft, eine Utopie, beschrieben, wenn auch, anderes als Campanella, Huxley seine Vision als eine negative, ein Schreckbild zeichnet. In der Schönen neuen Welt werden Kinder nicht mehr einfach geboren, sondern in Flaschen gezogen - Nährlösung und Petrischale sind ja auch bei uns schon fester Bestandteil jeder künstlichen Befruchtung. Neu ist allerdings die Möglichkeit, durch gezielte Beeinflussung des Embryos besondere Merkmale zu erzeugen - zu züchten. Auch in dieser Vision ist die Vorgehensweise eigentlich sachlich und scheinbar vernünftig. Man trennt die "Erzeugnisse" einfach in mehrere Kasten mit spezifischen biologischen Eigenschaften. Da wären zum Beispiel die sogenannten "Epsilon Minus": körperlich meist klein, damit sie besser in Maschinen herumkriechen können, keine allzu hohe Intelligenz, er soll schließlich arbeiten nicht denken, und relativ geringe Lebenserwartung: auch das Rentenproblem hätten wir damit erledigt. Für die mittlere Beamten-Riege züchtet man sich eine recht intelligente aber auch hörige Beta Gruppe und als Führungskräfte die wirklich klugen, dafür leider etwas zu selbstständigen Alpha Plus - Menschen. Allein mit der Zucht läßt es Huxley allerdings nicht bewenden; seine Züchterei heißt: Brut- und Normungsanstalt. Die so gezüchteten werden durch modernste pädagogische Techniken - Elektroschock und nächtliche Einflüsterungen - auf ihre zukünftigen Aufgaben vorbereitet. Das schöne und wirklich praktische an dieser Einrichtung ist, daß man nur dann Menschen züchtet, wenn sie auch gebraucht werden. Man kennt die Verfallsdaten der einzelnen Menschen und kann genau errechnen: wann ein neuer Alpha, ein neuer Epsilon fällig wird. - Vollbeschäftigung nach Maß, welcher Staat träumt nicht heimlich davon.


Die letzte Utopie die wir heute betrachten wollen ist die modernste und zugleich die radikalste. Warum sollte der Mensch einfach dabei bleiben den Menschen langlebiger, größer oder kleiner zu machen. Warum ihn nicht noch radikaler verändern? Diese Frage stellt sich Arno Schmidt in seiner "Gelehrtenrepublik" (1957). Und er beantwortet sie, was wollte man von Schmidt anderes erwarten, mit aller nur denkbaren Konsequenz. Seine Fiktion spielt etwa im Jahre 2008, kurz nach einem umfassenden Atomkrieg. Deutschland, ja ganz Europa, ist eine Atomwüste ebenso wie Teile Amerikas und Rußlands. Der kalte Krieg ist kälter als je zuvor. Beide Seiten, Usamerikaner und Bolschies - so werden die Russen genannt -, züchten, klonen, gen-manipulieren Menschen, um, im Falle eines Falles, den taktischen Vorteil auf ihrer Seite zu haben. Die Usamerikaner haben dabei insbesondere drei neue Spezies hervorgebracht, die nach Möglichkeit auch in relativ verseuchten Gebieten überleben sollen und auch sonst den einen oder anderen Vorteil haben. Da wären zum einen die sogenannten "Zenties", halb Mensch halb Gazelle. Die "fliegenden=Masken": ein kleiner menschlicher Kopf mit Schmetterlingsflügeln und, zu guter letzt, die, leider etwas fehlgeschlagenen, "Never=Nevers": ein menschlicher Kopf auf einem Skorpionkörper. Die Bolschies sollen, den Gerüchten nach eher an "was nautischem" forschen. Aber beiden Parteien ist noch etwas weiteres gelungen. Die Usamerikaner haben die Möglichkeit entwickelt, wichtige Menschen auf Zeit einzufrieren, meist so 60 Jahre, um sie dann wieder aufzutauen, damit läßt sich das Leben eine ganze Weile verlängern. Etwas näher an die Unsterblichkeit kommen da schon die Bolschies, sie transplantieren einfach die Gehirne aus den alten Körpern in junge Körper um. Entfällt dann mit dieser "Unsterblichkeit" die Notwendigkeit Kinder zu erzeugen? Keinesfalls, irgendwoher müssen ja auch die neuen, jungen Körper kommen...


Soviel zu den Dichtern. Aber auch andere Berufszweige versuchen sich an der Zukunft der Menschen. Ein Architekt erdachte auf die Frage: Wie wohl das Wohnen im 20. Jahrhundert aussehen würde, folgende Vision: Der Mensch lebt in einer kleinen beweglichen Einheit deren Kernstück aus einer Liege und einem Computer besteht. Dieser Computer ist mit allen Bedürfnissen des jeweiligen Menschen gefüttert, und nimmt ihm alle Sorgen. Fehlt Nahrung: beschafft er sie. Muß etwas gearbeitet werden: so tut er's. Überkommt einen die Lust: nun schweigen wir darüber, auch dies Problem wird gelöst. Der Mensch muß sich somit nicht mehr sorgen, nein er muß nur noch leben! Er braucht weder eine Umwelt noch andere Menschen. In seiner Monade lebt er glücklich vor sich hin.


Glücklich? Seien wir ehrlich, keine der zusammengefaßten Utopien scheint uns allzu erstrebenswert und es bleibt nur zu hoffen, daß unsere Technik, unser Fortschritt, nicht unser Mensch-Sein überflüssig macht.
Es bleibt zu hoffen, daß die Menschen und ihre Kinder auch weiterhin dieselben liebenswerten Mängelwesen bleiben. Und dann könnte man mit Shakespeare und mit vollem Recht sagen:

"Oh Wunder! Was gibt's für schöne Geschöpfe hier! [...] Schöne neue Welt die solche Bürger trägt!"

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