 |
|
Die Debatte in der Literatur |
Debatte und Disputieren taucht in der Literatur häufiger
auf als man meinen möchte. Hier haben wir ein paar Leseanregungen für Euch zusammengestellt:
Charles Bukowski: Das schlimmste kommt noch - Fast eine Jugend
"Auf dem Pershing Square stritten sie den ganzen Tag, ob Gott existiere
oder nicht. Die meisten hatten keinen besonders guten Vortrag, doch ab
und zu traf ein religiöser Fanatiker auf einen
versierten Atheisten, und dann wurde es eine gute Show. [...] Ich
schwänzte die restlichen Stunden und fuhr mit der Straßenbahn zum
Pershing Square. Dort setzte ich mich auf eine Bank und wartete, daß
sich etwas tat. Es dauerte recht lange. Schließlich gerieten ein
Religiöser und ein Atheist in die Haare, doch sie waren nicht besonders
gut. Ich war Agnostiker, und als solcher hatte man nicht viel zu
streiten."
Marie von Ebner-Eschenbach: Die Freiherren von Gemperlein
Auf einmal rief's da oder dort: "Oh, diese Esel!" und eine Zeitung flog
unter den Tisch. Die politische Debatte war eingeleitet. Gewöhnlich
gestaltete sie sich stürmisch und schloß nach beiläufig
viertelstündiger Dauer mit einem beiderseitigen: "Hol dich der Teufel!"
Marie von Ebner-Eschenbach: Der Kreisphysikus
Der einzige in der Stube freigebliebene Raum war der vor dem Eingang in
das Nebenzimmer, dessen offene Tür von einigen jungen Leuten mit
wahrhaft wildem Eifer vor der Zudringlichkeit der Neugier oder des
Fanatismus gehütet wurde. Dort schritt Dembowski im Gespräch mit einem
Schlachtschitz auf und ab, in dem Rosenzweig zu seinem grenzenlosen
Erstaunen den vertrauter Freund des Kreishauptmanns erkannte. Er lebte
in glücklichen Familien- und geordneten Vermögensverhältnissen, war ein
harmloser, aufrichtiger Mensch, dem der Frieden über alles ging. Nie
hatte er es dahin gebracht, einer politischen Debatte seiner
Gutsnachbarn bis ans Ende zu folgen, weil er regelmäßig vor demselben
einschlief. Und dieser ruhigste und stillste aller Staatsbürger, da
wandelte er nun flammend und glühend in einem Seelenkampfe, dessen Pein
sich in seinem zuckenden Gesicht malte, neben dem Aufwiegler einher.
Theodor Fontane: Vor dem Sturm
Die Stunde vor Tische - nach einem alten Herkommen, von dem übrigens
Turgany heute nicht ungern abgegangen wäre gehörte dem
wissenschaftlichen Austausch, will sagen, der Kriegsführung. In dieser
kurzen Spanne Zeit wurden jene Schlachten geschlagen, denen der
Justizrat mit heiterer Entschlossenheit, der Pastor, bei allem
Verlangen danach, doch zugleich mit immer erneutem Bangen entgegensah.
Denn so laut er auch die Unerschütterlichkeit seines Systems
proklamieren mochte, gerade hinter seinen bestimmtesten Versicherungen
barg sich der quälendste Zweifel. Alle Systeme sind gefallen, sagte er
zu sich selbst, und vor jeder neuen Debatte beschlich ihn die
Vorstellung: wenn nun jetzt dein Bau zusammenstürzte!
Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel
"›Hummer oder Krebse‹. Wir könnten übrigens darüber abstimmen.
Andererseits, soviel muß ich zugeben, hat Abstimmung immer was Totes,
Schablonenhaftes und paßt mir außerdem nicht recht; ich möchte nämlich
Marcell gern ins Gespräch ziehen, der eigentlich dasitzt, als sei ihm
die Gerste verhagelt. Also lieber Erörterung der Frage, Debatte. Sage,
Marcell, was ziehst du vor?" "Versteht sich, Hummer." "Schnell fertig
ist die Jugend mit dem Wort. Auf den ersten Anlauf, mit ganz wenig
Ausnahmen, ist jeder für Hummer, schon weil er sich auf Kaiser Wilhelm
berufen kann. Aber so schnell erledigt sich das nicht. Natürlich, wenn
solch ein Hummer aufgeschnitten vor einem liegt und der wundervolle
rote Rogen, ein Bild des Segens und der Fruchtbarkeit, einem zu allem
anderen auch noch die Gewißheit gibt, ›es wird immer Hummer geben‹,
auch nach Äonen noch, geradeso wie heute..."
Theodor Fontane: Der Stechlin
"Debattieren kann ich nicht mehr, aber wenn Sie plaudern, brauch ich
bloß zuzuhören. Sie haben ihr ja bei Tisch 'nen langen Vortrag gehalten."
Heinrich Heine: Disputation
Das ist nicht ein weltlich Stechen,
Keine Eisenwaffe blitzet -
Eine Lanze ist das Wort,
Das scholastisch scharf gespitzet.
[...]
Durch die Macht der Argumente,
Durch der Logik Kettenschlüsse
Und Zitate von Autoren,
Die man anerkennen müsse,
Will ein jeder Kämpe seinen
Gegner ad absurdum führen
Und die wahre Göttlichkeit
Seines Gottes demonstrieren.
E.T.A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels
Dem Kampf mit dem Riesen ging eine lange Disputation voraus, und David
bewies überaus künstlich und gelehrt, warum er den furchtbaren Gegner
totschmeißen müsse und werde.
Gottfried Keller: Der grüne Heinrich [Erste Fassung]
Er war radikal und stimmte in allen politischen Fragen im Sinne des
Fortschrittes, aber ohne viel Umstände, indem er mehr durch sein
Beispiel als durch Reden wirkte. Nur wenn eine Frage in den Geldbeutel
eingriff, pflegte er die Debatte mit genauen Erörterungen und
Bedentlichkeiten aufzuhalten; denn auch der Radikalismus war ihm ein
Geschäft und er der Meinung, mit den äußersten Ersparnissen, die man
den Kosten von sechs Unter-
nehmungen abgezwackt, könne man eine siebente obendrein ermöglichen.
Gottfried Keller: Der grüne Heinrich [Zweite Fassung]
Er war radikal und stimmte in den politischen Fragen im Sinne des
Fortschrittes, aber ohne viel Umstände, indem er mehr durch sein
Beispiel als durch Reden wirkte. Nur wenn eine Frage in den Geldbeutel
eingriff, pflegte er die Debatte mit genauen Erörterungen und
Bedenklichkeiten aufzuhalten; denn auch der Freisinn war ihm ein
Geschäft und er der Meinung, mit den Ersparnissen, die man an den
Kosten von sechs Unternehmungen erzielt, könne man eine siebente
obendrein ermöglichen.
Gotthold Ephraim Lessing: Anti-Goeze
Sobald der Präses dem Opponenten einen Wink gibt; sobald der Opponent
merkt, daß der Respondent nichts zu antworten haben werde, und daß den
Herrn Präses zu sehr hungert, als daß dieser selbst, mit gehöriger Ruhe
und Umständlichkeit, darauf antworten könne: muß die Disputation aus
sein? müssen Präses und Opponent freundschaftlich mit einander zum
Schmause eilen? - Doch wohl, nein.
Ernst von Salomon: Die Kadetten
"Im Korps gingen die kargen Gespräche der Kameraden um den Kaiser. Wir
waren es weiß Gott nicht gewohnt zu debattieren, und anfangs schien es
uns fast als Sakrileg, den Kaiser im Gesprächston zu erwähnen, und
anfangs konnte es wohl vorkommen, daß, wenn wir vom Kaiser sprachen,
der eine oder der andere plötzlich mit einiger Schärfe in der Stimme
sagte: >Bitte sehr, es heißt jawohl immer noch ‚Seine Majestät'!<
und wir schwiegen einen Augenblick und sagten dann statt‚ Kaiser':
>Seine Majestät!< -"
Ludwig Tieck: Der gestiefelte Kater
KÖNIG. Ja, es mag jetzt seinen Anfang nehmen. - Hofgelehrter - Hofnarr
- ihr wißt beide, daß demjenigen von euch, der in dieser Disputation
den Sieg davonträgt, jener kostbare Hut beschieden ist; ich habe ihn
auch deswegen hier aufrichten lassen, damit ihr ihn immer vor Augen
habt und es euch nie an Witz gebricht.
Frank Wedekind: Frühlings Erwachen
DER VERMUMMTE HERR: Erinnern Sie sich meiner denn nicht? Sie standen
doch wahrlich auch im letzten Augenblick noch zwischen Tod und Leben. -
Übrigens ist hier meines Erachtens doch wohl nicht ganz der Ort, eine
so tiefgreifende Debatte in die Länge zu ziehen. |
|
 |
|
 |
|
Nächste Debatte:
Am Mittwoch, 3.3.2010 um 20 Uhr im Herzog Ulrich (nahe des LTT)
Thema: "Sollen alle wirtschaftlichen und diplomatischen Verbindungen zu China abgebrochen werden?"
Streitkultur: Wer wir sind und was wir tun
Eine Kurze Bildschirmpräsentation über den Verein, die Mitglieder und Aktivitäten
Rhetorik im Studium
Tipps eines Debattanten für einen gelungenen Vortrag
|
 |
|
|
|