Tipps für das gute Referatvon Dr. Tim-C. Bartsch
Die gute Nachricht zuerst: Zum Redner muss man nicht geboren werden. Klar erleichtert es vieles, wenn man strukturiert denkt, ein gutes Gedächtnis hat oder einem auch im Alltag die Sätze leicht von den Lippen kommen. Aber ein gutes Referat kann eigentlich jeder halten. Drei Dinge braucht man dazu: Ein wenig Grundwissen über Rhetorik, eine gute Vorbereitung und Übung! Die wichtigsten rhetorischen Regeln liefert dieser Beitrag, für die gute Vorbereitung und die Übung sind dann Sie verantwortlich…
Seit über 2000 Jahren beschäftigt sich die Rhetorik mit der menschlichen Beredsamkeit und ihren Prinzipien. Hier einige der wichtigsten Erkenntnisse für die rednerische Praxis:
Das Publikum ist immer absolutes Maß der Dinge: Nicht die Zuhörer sind zu doof für die komplexe Materie, sondern der Redner ist unfähig, die richtigen Worte zu finden! Denken Sie immer aus der Perspektive Ihrer Zuhörer. Wo stehen sie? Was für Vorwissen haben sie? Knüpfen Sie an vorhandenem Wissen an und nehmen Sie die Zuhörer bei Ihrem Vortrag an die Hand. Die Komplexität des Wissens, das Sie vermitteln wollen, muss sich nicht in den Satzstrukturen widerspiegeln, damit Sie als Experte gelten: Klarheit und Verständlichkeit sind oberstes Gebot!
Suchen Sie sich Vorbilder, die Ihrer Meinung nach gute Reden bzw. Referate halten und beobachten Sie, was die besondere Wirkung dieser Menschen ausmacht. Probieren Sie, diese Erkenntnisse für sich beim nächsten Referat zu nutzen. Aber Vorsicht: Der Vortragsstil muss zu Ihnen passen! Schauspielern Sie nicht, sondern stehen Sie zu Ihren Eigenheiten, wie beispielsweise einem Dialekt.
Vorbereitung Die Vorbereitung ist zentraler Bestandteil Ihrer Rede! Ohne eine gute Vorbereitung können Sie auch kein gutes Referat halten! Deshalb gilt es, sich als erstes einen Überblick über das Thema und die besonderen Anforderungen an Sie als Referent zu verschaffen: Welche Vorgaben gibt es seitens des Dozenten? Was sind die wesentlichen Punkte des Themas? Nach der Recherchephase kommt die wichtigste Aufgabe: Auswählen und Komprimieren! Es geht nicht darum, die Pflichtlektüre zusammenzufassen. Ein gutes Referat zeichnet sich dadurch aus, dass es Wissen bündelt und Besonderheiten oder Zusammenhänge aufzeigt. Was sollen Ihre Zuhörer am Ende des Referats als Erkenntnisse mitnehmen? Überlegen Sie sich, wie Sie dieses Wissen Ihren Zuhörern am besten veranschaulichen können. Wägen Sie dabei immer ab, ob beispielsweise durch eine Powerpoint-Präsentation Ihr Inhalt tatsächlich besser verständlich ist oder ob es sich dabei um eine reine Spielerei bzw. einfach ein anderes Medium mit dem gleichen Erkenntniswert wie die reine Rede handelt.
Der Vortrag Wenn der große Tag da ist und Sie das Referat halten, überprüfen Sie rechtzeitig, ob alles, was Sie benötigen, an seinem Platz ist. Wenn an viele Details zu denken ist, machen Sie eine Checkliste, um sich gedanklich zu entlasten. Vor Ort nehmen Sie sich Zeit, den Platz einrichten, an dem Sie reden werden. Gewöhnen Sie sich bevor es losgeht an das Gefühl, vorne zu stehen. Wenn Sie dann an der Reihe sind, nehmen Sie Blickkontakt mit dem Publikum auf und versichern Sie sich, dass Ihre Zuhörer auch bereit sind für Ihren Vortrag. Wenn noch gequatscht wird, warten Sie geduldig. Dann: Ausatmen! Und los geht’s…
Hinsichtlich der Gestik und Mimik sollten Sie bedenken, dass Sie einen Fachvortrag halten. Dass heißt, große Showeinlagen sind in der Regel unangemessen. Konzentrieren Sie sich lieber auf den Inhalt und eine deutliche Vortragsweise. Zumeist machen wir, wenn wir reden, unbewusst Gesten, die völlig ausreichend sind. Wenn Sie bewusst Gesten einsetzen wollen, dann überlegen Sie sich vorher, an welcher Stelle Sie die Bedeutung des Gesagten durch einzelne Bewegungen unterstreichen können. Die Mimik ist während des Vortrags kaum bewusst zu kontrollieren. Gehen Sie deshalb mit einer optimistischen und offenen Grundhaltung in das Referat. Mehr können und sollten Sie an dieser Stelle nicht tun. Je besser Sie inhaltlich vorbereitet sind, desto leichter können Sie das Publikum im Auge behalten. Der Blickkontakt ist nicht nur für die Zuhörer ein Zeichen von Sicherheit und Souveränität, sondern bietet Ihnen auch die Möglichkeit, auf Zeichen aus dem Publikum direkt zu reagieren.
Lassen Sie sich beim Vortrag Zeit. Sie sind in der Runde der Experte, kennen den Inhalt und haben sich lange damit auseinandergesetzt. Die Zuhörer hören meistens den Inhalt zum ersten Mal und brauchen Pausen, damit sie das Gesagte verarbeiten können.
Keine Angst vorm schwarzen Loch: Was tun beim Blackout? Es kann trotz der besten Vorbereitung immer mal passieren, dass man den Faden verliert und einem siedendheiß bewusst wird, dass man nicht weiß, was man als nächstes sagen soll. Was also tun, wenn Not am Mann oder an der Frau ist? Das Wichtigste ist: Ruhe bewahren! Atmen Sie noch einmal aus, schauen Sie in Ihrem Manuskript nach, an welchem Punkt Sie gerade sind und was als nächstes kommen sollte. Wenn Sie sich im Manuskript nicht mehr zurecht finden, sollten Sie für das nächste Mal eine übersichtlichere Form des Aufschriebs nutzen. Es hilft auch, den letzten gesprochen Satz zu wiederholen, um wieder einen Anknüpfungspunkt zu haben. Überlegen Sie sich, zu welchem Oberpunkt Sie gerade gesprochen haben und was sonst in diesem Zusammenhang noch wichtig war. Wenn nichts weiterhilft, machen Sie weiter im Text und gehen zum nächsten inhaltlichen Punkt über. Meist fällt einem dann während des Redens ein, wie es hätte weitergehen sollen. Sie allein wissen, was eigentlich hätte gesagt werden sollen. Das Publikum hört nur, was tatsächlich vorgetragen wurde und merkt in der Regel nicht, wenn kleinere Passagen anders ausfallen, als Sie das geplant haben. Feedback
Nach dem Referat sollten Sie sich unbedingt eine Rückmeldung vom Dozenten und von Bekannten einholen, um Ihre eigene Wahrnehmung mit dem Urteil der Zuhörer abzugleichen. Fragen Sie ausdrücklich danach, was Sie das nächste Mal besser machen könnten und beherzigen Sie die positive und negative Kritik. Nur so können Sie Schritt für Schritt ein besserer Redner werden.
Debattierclubs als Übungsmöglichkeit Um weiter an sich arbeiten zu können, sollten Sie sich aktiv Redesituationen suchen. Die wenigen Referate im Semester reichen als Training der eigenen Fähigkeiten nicht aus. Ein sehr guter Weg, seine rhetorische Grundfitness zu trainieren, sind die Debattierclubs, die es inzwischen an fast jeder Universität gibt. Hier können Sie in lockerer Atmosphäre und ohne Notendruck regelmäßig Reden halten und neue Ideen ausprobieren. Die wichtigsten Hinweise und Materialien finden beim ältesten deutschen Debattierclub unter www.streitkultur.net!
Weitere Hinweise und praktische Übungen finden Sie in: • Bartsch, Tim-C. / Rex, Bernd: Rede im Studium! UTB Paderborn 2008. • Bartsch, Tim-C. / Hoppmann, Michael / Rex, Bernd / Vergeest, Markus: Trainingsbuch Rhetorik. 2. Aufl., UTB Paderborn 2008.
Zur Person: Dr. Tim-C. Bartsch, Jg. 1981, studierte Pädagogik, Politikwissenschaft und Rhetorik an den Universitäten Oldenburg und Tübingen, ist Mitgründer des studentischen Debattierclubs Streitkultur e.V. und Dt. Vizemeister im Hochschuldebattieren 2004. Er arbeitet als Redenschreiber im Staatsministerium Baden-Württemberg.
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